Einsatz am 11.11.1987: Verkehrsunfall mit eingeklemmter Person/Gefahrgutunfall

Über die bestehende Direktleitung wird die Feuerwehr-Einsatz-Leitstelle (FEL) des Landkreises Hameln-Pyrmont am 11. November 1987 um 8:58Uhr vom Lage- und Führungszentrum (LFZ) der Polizeiinspektion Hameln von einem Verkehrsunfall auf der B83 zwischen Grohnde und Hehlen in unmittelbarer Nähe des Gasthauses "Zum Ruhberg" in Kenntnis gesetzt: "Verkehrsunfall, zwei Verletzte, niemand eingeklemmt!"
Um 8:59Uhr wird der Unfall dann noch über den Notruf 112 gemeldet, wobei der Anrufer auf ein brennendes Unfallfahrzeug hinweist. 

Maßnahmen der FEL:
Die beiden Bediensteten der FEL, Thomas Fargel sowie Hans-Jürgen Wolf (Leiter FEL), entschließen sich, den RTW der Feuerwehr Hameln, sowie den Notarzt aus Hameln zum Unfallort zu entsenden.
Da sich der Unfall ganz offensichtlich unmittelbar an der Grenze zum Landkreis Holzminden ereignet hat, wird darüber hinaus noch der RTW der Stadt Bodenwerder über die FEL Holzminden angefordert. Dieser RTW rückt ebenfalls mit Notarzt aus.

Mittels Funkalarmierung wird die Freiwillige Feuerwehr Kirchohsen um 9:00Uhr mit der Durchsage "Verkehrsunfall, Fahrzeug brennt!" alarmiert.

Zeitablauf:
9:02Uhr:
LF 16 der Feuerwehr Kirchohsen rückt ab
9:03Uhr: RW 2 und ELW 1 der Feuerwehr Kirchohsen rücken ab
9:05Uhr: RTW Bodenwerder am Einsatzort - Rückmeldung: Drei Verletzte, eine Person wahrscheinlich exitus!"
9:07Uhr: LF 16 am Einsatzort
Die Lage vor Ort schildert Einsatzleiter Rudolf Kusch, der mit dem LF 16 eintraf, folgendermaßen: "Der Fahrer eines Kleinlasters war für die Einsatzkräfte nicht zu erkennen, da er mit einer Art Bauschaum total eingeschäumt war. Da jedoch ein Arm aus dem Schaum herausragte, versuchten wir mit vier Kameraden die Person mit bloßen Händen vom Schaum zu befreien."
9:08Uhr: MTW der Feuerwehr Kirchohsen abgerückt, RW 2 am Einsatzort
9:09Uhr: Gemeindebrandmeister Emmerthal wird alarmiert
9:10Uhr: NEF und RTW Hameln treffen ein
9:15Uhr: MTW Kirchohsen am Einsatzort
Rückmeldung vom Einsatzleiter: "Eine Person eingeklemmt, zwei Verletzte im RTW, Anforderung eines weiteren RTW!"
Alarm für einen RTW der DRK Rettungswache Hameln und den Alarmfotografen der Kreisfeuerwehr
9:25Uhr: RTW der Feuerwehr Hameln fährt zum Krankenhaus Hameln, RTW der Stadt Bodenwerder fährt zum Krankenhaus Stadtoldendorf
9:31Uhr: Gemeindebrandmeister Emmerthal am Einsatzort
Rückmeldung vom Einsatzleiter: "Eingeklemmte Person befreit, ist von Polyethylenschaumladung des LKW überschäumt und wahrscheinlich exitus!"
9:34Uhr: Alarm für den Kreisbrandmeister - NEF meldet sich frei, da Patient exitus
9:41Uhr: Anforderung einer Mulde mit 2,5 m³ Fassungsvermögen für die Entsorgung des Bauschaums durch den Einsatzleiter
Der bretthart gewordene Schaum und die große Zerstörung des Kleinlasters machten ein Auffinden von Ladepapieren, Lieferscheinen, o.ä. sehr schwierig. Erst nachdem ein Kamerad mit Brachialgewalt das komplette und eingeschäumte Handschuhfach aus dem Fahrzeug gerissen hatte, konnten erste Papiere gefunden werden. Auf einem der Papiere war ein Firmenname zu entziffern. Die von der Polizei veranlasste Halterfeststellung ergab eine Spedition in Rüsselsheim.
10:01Uhr: Rückruf der Spedition: Gefahrgutblätter befinden sich hinter einer der Warntafeln am Fahrzeug, der Stoff "ist dick wie Sirup und reagiert in Verbindung mit Wasser mit Schaumbildung."
10:06Uhr: Rückmeldung vom Einsatzleiter: "Stoff hat die UN-Nummer 2489!"
Meldung der FEL an den Einsatzleiter: " Vorsicht, Atemschutzgerät erforderlich!"
(Angaben über gefährliche Stoffe sind EDVmäßig in der FEL gespeichert)
10:42Uhr: Meldung der Nachrichtenzentrale der Feuerwehr Hameln an die FEL: Die eingesetzten Kräfte der Feuerwehr Hameln werden vorsorglich zum Arzt geschickt
10:47Uhr: Rückmeldung vom Einsatzleiter: Einige Kameraden klagen bereits über Beschwerden!
11:23Uhr: Rückmeldung vom Einsatzleiter: "Ein Trupp birgt die Fässer unter umluftunabhängigem Atemschutz jetzt aus dem Kleinlaster!"
11:35Uhr: MTW Kirchohsen verlässt mit einigen Einsatzkräften die Einsatzstelle, um von der FTZ Kirchohsen den Gerätewagen Gefahrgut (GW-G) und den Gerätewagen Atemschutz/Strahlenschutz (GW-AS) zum Unfallort zu bringen.
11:36Uhr: Alarm für die Feuerwehr Grohnde - Anfrage vom Einsatzleiter, welcher Arzt aufgesucht werden kann
11:42Uhr: TLF 16/25 der FF Grohnde abgerückt
11:44Uhr: GW-G und GW-AS sowie LF 8 Grohnde abgerückt
11:49Uhr: Meldung vom Einsatzleiter: "Zwei Mann unter PA soeben zusammengebrochen, dringend Notarzt erforderlich!"
11:49Uhr:
Alarm für das NEF Hameln, einen RTW der Feuerwehr Hameln und beide RTW der DRK-Rettungswache Hameln
11:51Uhr: LF 8 Grohnde sowie GW-G und GW-AS am Einsatzort
11:53Uhr: Meldung des anfahrenden NEF an den Einsatzleiter: Auxiloson-Spray anwenden! (verhindert ein toxisches Lungenödem)
11:59Uhr: NEF und die drei RTW treffen am Einsatzort ein
Zwischen 12:12Uhr und 12:15Uhr überschlagen sich die Ereignisse in der FEL, eine Niederschrift ist kaum noch möglich, da pausenlos Telefonate bezüglich der gefährlichen Stoffe eingehen, Lageberichte über den Gesundheitszustand der verunglückten Einsatzkräfte gegeben sowie Maßnahmen zur Beseitigung der gefährlichen Stoffe eingeleitet werden.
12:15Uhr: Rückmeldung des Kreisbrandmeisters: "Mindestens vier Kameraden müssen in´s Krankenhaus!"
12:21Uhr: Meldung des Kreisbrandmeisters: "Zweiter Stoff hat wahrscheinlich die UN-Nummer 2401, FEL soll erfragen, was in den blauen Fässern ist."
12:30Uhr: NEF sowie drei RTW verlassen Einsatzstelle. Acht(!) Einsatzkräfte mit Vergiftungserscheinungen übernommen, fahren nach Hameln, Krankenhäuser Weser und Wilhelmstraße, Intensivstationen.
12:38Uhr: Polizei (LFZ) veranlasst aufgrund der Vorfälle am Unfallort Radiodurchsagen (NDR und Radio-ffn) mit Warnungen an die Bevölkerung. Lautsprecherwagen der Polizei fahren durch die umliegenden Ortschaften und fordern die Bevölkerung auf, Türen und Fenster zu schließen und der Unfallstelle weiträumig fernzubleiben.
12:44Uhr: Kreisbrandmeister an FEL: "Anderer Stoff wahrscheinlich Methylen-Diphenyl."
Zwischen 12:53Uhr und 13:27Uhr werden von der FEL Kontakte zu einem Hamelner Unternehmen hergestellt, um einen Chemie-Spezialisten der Firma zur Unfallstelle zu bekommen. Die Firma sagt diesem Hilfeersuchen zu, der Spezialist trifft um 13:27Uhr vor Ort ein.
13:33Uhr: Lagebericht an das Niedersächsische Innenministerium sowie den zuständigen Dezernenten des Landkreises Hameln-Pyrmont
13:54Uhr: Meldung des Kreisbrandmeisters: "Unfallstelle wird jetzt geräumt, Feuerwehr verbleibt nach wie vor an der Einsatzstelle."
15:25Uhr: Alle Feuerwehreinheiten rücken in ihre Standorte ein. Einsatzende!

Mit Vergiftungserscheinungen müssen nach Einsatzende weitere drei Feuerwehrkameraden der Feuerwehr Kirchohsen ins Krankenhaus nach Hameln und werden dort zunächst untersucht und anschließend stationär übernommen. Es werden Infusionen sowie Cortison verabreicht.
Am Abend des Unfalltages liegen drei Kameraden auf der Intensivstation, acht weitere sind auf einer Normalstation untergebracht. Auch die anderen eingesetzten Einsatzkräfte müssen sich zur gründlichen Untersuchung noch am Abend ins Hamelner Krankenhaus Wilhelmstraße begeben. Darunter befinden sich auch der Notarzt und alle beteiligten Rettungssanitäter, sowie Kreis- und Gemeindebrandmeister, Alarmfotograf und die am Einsatz beteiligten Polizeibeamten. Zu den Maßnahmen gehörten u.a.: Blutdruckmessung, Elektrokardiographie, Blutabnahme, Röntgenaufnahme der Lunge und die Behandlung mit Cortison.

Unfallhergang:
Nach Zeugenaussagen kam der blaue Kleinlaster, der auch das Gefahrgut geladen hatte, aufgrund nicht angepasster Geschwindigkeit während eines Überholmanövers im Kurvenbereich der B83 in Fahrtrichtung Hameln auf die Gegenfahrbahn. Dort kollidierte das Fahrzeug frontal mit einem MAN-Sattelzug, der mit zwei Personen besetzt war.
Durch den starken Aufprall wurde der Mercedes-Kleinlaster im Frontbereich völlig zerstört, der 20jährige Fahrer, es war der Sohn des Spediteurs, wird eigeklemmt und darüber hinaus vom auslaufenden Gefahrgut überschüttet und vollständig eingeschäumt. Er stirbt. Aus diesem Grund lautete die erste Meldung auch "zwei Verletzte", denn der junge Mann war in seinem Fahrzeug nicht mehr zu erkennen.
Die beiden Besatzungsmitglieder des Sattelzuges waren schwer verletzt, nicht jedoch eingeklemmt.
Das Gefahrgut lief zwischenzeitlich aus dem zertrümmerten Fahrzeug aus und bildete auch auf der Straße sowie dem angrenzenden Feld einen dicken und brettharten Schaumbelag.
Insgesamt befanden sich neun Fässer mit jeweils 50-200 Litern
Gefahrgut in dem Fahrzeug, davon waren acht Fässer vollständig zerstört. Weiterhin waren auch zwei Kanister mit jeweils 20 Litern Dieselkraftstoff an Bord. Beide platzten und liefen aus.
Durch die Zerstörung des Fahrzeugs waren beide Warntafeln nicht zu erkennen, da sie entweder zugeschäumt bzw. von Blechmassen verdeckt waren. Erst nach dem Einsatz der Seilwinde im Fondbereich des Unfallfahrzeuges wurde eine Tafel entdeckt. Der Schaumbelag roch nicht auffällig, reagierte beim Eintreffen der Rettungsmannschaften nicht mehr und bildete auch keine sichtbare Giftwolke. Die Feuerwehrkräfte gingen deshalb auch erst einmal davon aus,  dass es sich um ganz "normalen Bauschaum" zum Ausschäumen von Fugen handelte und richteten ihr Hauptaugenmerk auf die Befreiung des schwer eingeklemmten und fürchterlich entstellten Fahrers. Hierzu wurden Seilwinde sowie Rettungsschere und Spreitzer eingesetzt.
Zur Sicherung gegen Brandausbruch wurden Schnellangriff des LF 16 sowie Pulverlöscher und später auch ein Schaumrohr vorgenommen.
Die Einsatzleitung hatte der stellv. Zugführer der Feuerwehr Kirchohsen, Rudolf Kusch, bis er um 12:30Uhr mit Vergiftungserscheinungen mit einem der RTW ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Von diesem Zeitpunkt an übernahm Kreisbrandmeister Dieter Wortmann bis zum Einsatzende die Einsatzleitung.

Eingesetzte Fahrzeuge:
RW 2, LF 16, ELW 1 und MTW der Feuerwehr Kirchohsen
GW-G und GW-AS der FTZ Hameln-Pyrmont
TLF 16/25, LF 8 und MTW der Feuerwehr Grohnde
2 RTW der Feuerwehr Hameln
2 RTW der DRK-Rettungswache Hameln
NEF des Landkreises Hameln-Pyrmont
NAW des Landkreises Holzminden

Einsatzdauer: 6,5 Stunden

Das Fazit des schweren Unfalls mit einem Toten, zwei Schwerverletzten sowie elf verletzten Feuerwehrleuten unterstreicht eindrucksvoll die Forderung, sich jetzt und in Zukunft, sachlich, kritisch und auch selbstkritisch mit dem allgegenwärtigen Problem "Gefahrguttransport Straße" auseinander zu setzen!

Original-Bericht aus dem Feuerwehr-Magazin von 1988 und Fotos:
Bernhard Mandla (seinerzeit Kreispressewart und Alarmfotograf der Kreisfeuerwehr Hameln-Pyrmont

Kommentar:
Wenn man heute, 18 Jahre später, dieses Fazit noch einmal überprüft, kann man feststellen, dass dieses Ziel auch erreicht wurde. Heute gibt es ein ausgefeiltes System der Abarbeitung von Einsätzen mit gefährlichen Stoffen, welches sich mittlerweile schon oft bewährt hat. Grundlage sind dabei mit dem Umweltzug und dem ABC-Zug des Landkreises Hameln-Pyrmont die beiden schlagkräftigsten Einheiten in der Gefahrenabwehr bei gefährlichen Stoffen. Außerdem hält jede Kommune im Landkreis Einsatzkräfte bereit, die speziell auf die Abarbeitung von Gefahrguteinsätzen geschult wurden und mit Vollschutzanzügen den Ersteinsatz z.B. zur Menschenrettung oder zum provisorischen Abdichten durchführen können. Außerdem verfügt die Kreisfeuerwehr über einen Gefahrgut-Beauftragten, welcher von Beruf Chemiker ist und den Einsatzkräften mit seinem Fachwissen ständig zur Seite steht. Darüber hinaus existiert mit der TUIS (Transportunfall und Informationssystem) der Chemischen Industrie ein bundesweites System, welches im Notfall Telefonauskünfte gibt, Spezialisten entsendet oder sogar ganze Werkfeuerwehren von nahegelegenen Betrieben der chemischen Industrie zur Unterstützung an die Einsatzstellen schickt.
Mittlerweile wurden all diese Einheiten mit dem Zugunglück von Bad Münder auf eine weitere harte Probe auf noch höherem Niveau gestellt. Auch hieraus wurden Lehren gezogen und Maßnahmen ergriffen, die vielleicht in der Zukunft einmal überlebenswichtig sein werden. Wenn auch solche Einsätze nur sehr selten sind und Einsatzkräfte heute gut auf solche Gefahren sensibilisiert sind, ist man ständig bestrebt, das System noch weiter zu verbessern, denn der nächste Gefahrgut-Einsatz kommt bestimmt - und wer weiß womit dieser uns überrascht...

Michael Niehus
stellv. Ortsbrandmeister

im April 2005