|
Mittels Funkalarmierung
wird die Freiwillige Feuerwehr Kirchohsen um 9:00Uhr mit der Durchsage
"Verkehrsunfall, Fahrzeug brennt!" alarmiert. Zeitablauf:
9:02Uhr: LF
16 der Feuerwehr Kirchohsen rückt ab
9:03Uhr: RW 2 und ELW 1 der Feuerwehr Kirchohsen rücken ab
9:05Uhr: RTW Bodenwerder am Einsatzort - Rückmeldung: Drei
Verletzte, eine Person wahrscheinlich exitus!"
9:07Uhr: LF 16 am Einsatzort
Die Lage vor Ort schildert Einsatzleiter Rudolf Kusch, der mit dem LF
16 eintraf, folgendermaßen: "Der Fahrer eines Kleinlasters war
für die Einsatzkräfte nicht zu erkennen, da er mit einer Art
Bauschaum total eingeschäumt war. Da jedoch ein Arm aus dem Schaum
herausragte, versuchten wir mit vier Kameraden die Person mit bloßen
Händen vom Schaum zu befreien."
9:08Uhr: MTW der Feuerwehr Kirchohsen abgerückt, RW 2 am
Einsatzort
9:09Uhr: Gemeindebrandmeister Emmerthal wird alarmiert
9:10Uhr: NEF und RTW Hameln treffen ein
9:15Uhr: MTW Kirchohsen am Einsatzort
Rückmeldung vom Einsatzleiter: "Eine Person eingeklemmt, zwei
Verletzte im RTW, Anforderung eines weiteren RTW!"
Alarm für einen RTW der DRK Rettungswache Hameln und den
Alarmfotografen der Kreisfeuerwehr
9:25Uhr: RTW der Feuerwehr Hameln fährt zum Krankenhaus
Hameln, RTW der Stadt Bodenwerder fährt zum Krankenhaus
Stadtoldendorf
9:31Uhr: Gemeindebrandmeister Emmerthal am Einsatzort
Rückmeldung vom Einsatzleiter: "Eingeklemmte Person befreit, ist
von Polyethylenschaumladung des LKW überschäumt und wahrscheinlich
exitus!"
9:34Uhr: Alarm für den Kreisbrandmeister - NEF meldet sich
frei, da Patient exitus
9:41Uhr: Anforderung einer Mulde mit 2,5 m³ Fassungsvermögen
für die Entsorgung des Bauschaums durch den Einsatzleiter
Der bretthart gewordene Schaum und die große Zerstörung des
Kleinlasters machten ein Auffinden von Ladepapieren, Lieferscheinen,
o.ä. sehr schwierig. Erst nachdem ein Kamerad mit Brachialgewalt das
komplette und eingeschäumte Handschuhfach aus dem Fahrzeug gerissen
hatte, konnten erste Papiere gefunden werden. Auf einem der Papiere
war ein Firmenname zu entziffern. Die von der Polizei veranlasste
Halterfeststellung ergab eine Spedition in Rüsselsheim.
10:01Uhr: Rückruf der Spedition: Gefahrgutblätter befinden
sich hinter einer der Warntafeln am Fahrzeug, der Stoff "ist dick
wie Sirup und reagiert in Verbindung mit Wasser mit
Schaumbildung."
10:06Uhr: Rückmeldung vom Einsatzleiter: "Stoff hat die
UN-Nummer 2489!"
Meldung der FEL an den Einsatzleiter: " Vorsicht,
Atemschutzgerät erforderlich!" (Angaben
über gefährliche Stoffe sind EDVmäßig in der FEL gespeichert)
10:42Uhr: Meldung der Nachrichtenzentrale der Feuerwehr Hameln
an die FEL: Die eingesetzten Kräfte der Feuerwehr Hameln werden
vorsorglich zum Arzt geschickt
10:47Uhr: Rückmeldung vom Einsatzleiter: Einige Kameraden
klagen bereits über Beschwerden!
11:23Uhr: Rückmeldung vom Einsatzleiter: "Ein Trupp birgt
die Fässer unter umluftunabhängigem Atemschutz jetzt aus dem
Kleinlaster!"
11:35Uhr: MTW Kirchohsen verlässt mit einigen Einsatzkräften
die Einsatzstelle, um von der FTZ Kirchohsen den Gerätewagen
Gefahrgut (GW-G) und den Gerätewagen Atemschutz/Strahlenschutz
(GW-AS) zum Unfallort zu bringen.
11:36Uhr: Alarm für die Feuerwehr Grohnde - Anfrage vom
Einsatzleiter, welcher Arzt aufgesucht werden kann
11:42Uhr: TLF 16/25 der FF Grohnde abgerückt
11:44Uhr: GW-G und GW-AS sowie LF 8 Grohnde abgerückt
11:49Uhr: Meldung vom Einsatzleiter: "Zwei Mann
unter PA soeben zusammengebrochen, dringend Notarzt
erforderlich!"
11:49Uhr: Alarm für das NEF Hameln, einen RTW der Feuerwehr
Hameln und beide RTW der DRK-Rettungswache Hameln
11:51Uhr: LF 8 Grohnde sowie GW-G und GW-AS am Einsatzort
11:53Uhr: Meldung des anfahrenden NEF an den Einsatzleiter:
Auxiloson-Spray anwenden! (verhindert ein toxisches Lungenödem)
11:59Uhr: NEF und die drei RTW treffen am Einsatzort ein
Zwischen 12:12Uhr und 12:15Uhr überschlagen sich die Ereignisse in
der FEL, eine Niederschrift ist kaum noch möglich, da pausenlos
Telefonate bezüglich der gefährlichen Stoffe eingehen, Lageberichte
über den Gesundheitszustand der verunglückten Einsatzkräfte gegeben
sowie Maßnahmen zur Beseitigung der gefährlichen Stoffe eingeleitet
werden.
12:15Uhr: Rückmeldung des Kreisbrandmeisters:
"Mindestens vier Kameraden müssen in´s Krankenhaus!"
12:21Uhr: Meldung des Kreisbrandmeisters: "Zweiter Stoff
hat wahrscheinlich die UN-Nummer 2401, FEL soll erfragen, was in den
blauen Fässern ist."
12:30Uhr: NEF sowie drei RTW verlassen Einsatzstelle. Acht(!)
Einsatzkräfte mit Vergiftungserscheinungen übernommen, fahren nach
Hameln, Krankenhäuser Weser und Wilhelmstraße, Intensivstationen.
12:38Uhr: Polizei (LFZ) veranlasst aufgrund der Vorfälle am
Unfallort Radiodurchsagen (NDR und Radio-ffn) mit Warnungen an die
Bevölkerung. Lautsprecherwagen der Polizei fahren durch die
umliegenden Ortschaften und fordern die Bevölkerung auf, Türen und
Fenster zu schließen und der Unfallstelle weiträumig fernzubleiben.
12:44Uhr: Kreisbrandmeister an FEL: "Anderer Stoff
wahrscheinlich Methylen-Diphenyl."
Zwischen 12:53Uhr und 13:27Uhr werden von der FEL Kontakte zu einem
Hamelner Unternehmen hergestellt, um einen Chemie-Spezialisten der
Firma zur Unfallstelle zu bekommen. Die Firma sagt diesem
Hilfeersuchen zu, der Spezialist trifft um 13:27Uhr vor Ort ein.
13:33Uhr: Lagebericht an das Niedersächsische
Innenministerium sowie den zuständigen Dezernenten des Landkreises
Hameln-Pyrmont
13:54Uhr: Meldung des Kreisbrandmeisters: "Unfallstelle
wird jetzt geräumt, Feuerwehr verbleibt nach wie vor an der
Einsatzstelle."
15:25Uhr: Alle Feuerwehreinheiten rücken in ihre Standorte
ein. Einsatzende! Mit
Vergiftungserscheinungen müssen nach Einsatzende weitere drei
Feuerwehrkameraden der Feuerwehr Kirchohsen ins Krankenhaus nach
Hameln und werden dort zunächst untersucht und anschließend
stationär übernommen. Es werden Infusionen sowie Cortison
verabreicht.
Am Abend des Unfalltages liegen drei Kameraden auf der
Intensivstation, acht weitere sind auf einer Normalstation
untergebracht. Auch die anderen eingesetzten Einsatzkräfte müssen
sich zur gründlichen Untersuchung noch am Abend ins Hamelner
Krankenhaus Wilhelmstraße begeben. Darunter befinden sich auch der
Notarzt und alle beteiligten Rettungssanitäter, sowie Kreis- und
Gemeindebrandmeister, Alarmfotograf und die am Einsatz beteiligten
Polizeibeamten. Zu den Maßnahmen gehörten u.a.: Blutdruckmessung,
Elektrokardiographie, Blutabnahme, Röntgenaufnahme der Lunge und die
Behandlung mit Cortison. Unfallhergang:
Nach Zeugenaussagen kam der
blaue Kleinlaster, der auch das Gefahrgut geladen hatte, aufgrund
nicht angepasster Geschwindigkeit während eines Überholmanövers im
Kurvenbereich der B83 in Fahrtrichtung Hameln auf die Gegenfahrbahn.
Dort kollidierte das Fahrzeug frontal mit einem MAN-Sattelzug, der mit
zwei Personen besetzt war.
Durch den starken Aufprall wurde der Mercedes-Kleinlaster im
Frontbereich völlig zerstört, der 20jährige Fahrer, es war der Sohn
des Spediteurs, wird eigeklemmt und darüber hinaus vom auslaufenden
Gefahrgut überschüttet und vollständig eingeschäumt. Er stirbt.
Aus diesem Grund lautete die erste Meldung auch "zwei
Verletzte", denn der junge Mann war in seinem Fahrzeug nicht mehr
zu erkennen.
Die beiden Besatzungsmitglieder des Sattelzuges waren schwer verletzt,
nicht jedoch eingeklemmt.
Das Gefahrgut lief zwischenzeitlich aus dem zertrümmerten Fahrzeug
aus und bildete auch auf der Straße sowie dem angrenzenden Feld einen
dicken und brettharten Schaumbelag.
Insgesamt befanden sich neun Fässer mit jeweils 50-200 Litern
Gefahrgut in dem Fahrzeug, davon waren acht Fässer vollständig
zerstört. Weiterhin waren auch zwei Kanister mit jeweils 20 Litern
Dieselkraftstoff an Bord. Beide platzten und liefen aus.
Durch die Zerstörung des Fahrzeugs waren beide Warntafeln nicht zu
erkennen, da sie entweder zugeschäumt bzw. von Blechmassen verdeckt
waren. Erst nach dem Einsatz der Seilwinde im Fondbereich des
Unfallfahrzeuges wurde eine Tafel entdeckt. Der Schaumbelag roch nicht
auffällig, reagierte beim Eintreffen der Rettungsmannschaften nicht
mehr und bildete auch keine sichtbare Giftwolke. Die Feuerwehrkräfte
gingen deshalb auch erst einmal davon aus, dass es sich um ganz
"normalen Bauschaum" zum Ausschäumen von Fugen handelte und
richteten ihr Hauptaugenmerk auf die Befreiung des schwer
eingeklemmten und fürchterlich entstellten Fahrers. Hierzu wurden
Seilwinde sowie Rettungsschere und Spreitzer eingesetzt.
Zur Sicherung gegen Brandausbruch wurden Schnellangriff des LF 16
sowie Pulverlöscher und später auch ein Schaumrohr vorgenommen.
Die Einsatzleitung hatte der stellv. Zugführer der Feuerwehr
Kirchohsen, Rudolf Kusch, bis er um 12:30Uhr mit
Vergiftungserscheinungen mit einem der RTW ins Krankenhaus gebracht
werden mußte. Von diesem Zeitpunkt an übernahm Kreisbrandmeister
Dieter Wortmann bis zum Einsatzende die Einsatzleitung. Eingesetzte Fahrzeuge:
RW 2, LF 16, ELW 1 und MTW der Feuerwehr Kirchohsen
GW-G und GW-AS der FTZ Hameln-Pyrmont
TLF 16/25, LF 8 und MTW der Feuerwehr Grohnde
2 RTW der Feuerwehr Hameln
2 RTW der DRK-Rettungswache Hameln
NEF des Landkreises Hameln-Pyrmont
NAW des Landkreises Holzminden
Einsatzdauer: 6,5 Stunden
Das Fazit des schweren Unfalls
mit einem Toten, zwei Schwerverletzten sowie elf verletzten
Feuerwehrleuten unterstreicht eindrucksvoll die Forderung, sich jetzt
und in Zukunft, sachlich, kritisch und auch selbstkritisch mit dem
allgegenwärtigen Problem "Gefahrguttransport Straße"
auseinander zu setzen!
Original-Bericht aus dem
Feuerwehr-Magazin von 1988 und Fotos:
Bernhard Mandla (seinerzeit Kreispressewart und Alarmfotograf der
Kreisfeuerwehr Hameln-Pyrmont
Kommentar:
Wenn man heute, 18 Jahre später, dieses
Fazit noch einmal überprüft, kann man feststellen, dass dieses Ziel
auch erreicht wurde. Heute gibt es ein ausgefeiltes System der
Abarbeitung von Einsätzen mit gefährlichen Stoffen, welches sich
mittlerweile schon oft bewährt hat. Grundlage sind dabei mit dem
Umweltzug und dem ABC-Zug des Landkreises Hameln-Pyrmont die beiden
schlagkräftigsten Einheiten in der Gefahrenabwehr bei gefährlichen
Stoffen. Außerdem hält jede Kommune im Landkreis Einsatzkräfte
bereit, die speziell auf die Abarbeitung von Gefahrguteinsätzen
geschult wurden und mit Vollschutzanzügen den Ersteinsatz z.B. zur
Menschenrettung oder zum provisorischen Abdichten durchführen
können. Außerdem verfügt die Kreisfeuerwehr über einen
Gefahrgut-Beauftragten, welcher von Beruf Chemiker ist und den
Einsatzkräften mit seinem Fachwissen ständig zur Seite steht.
Darüber hinaus existiert mit der TUIS (Transportunfall und
Informationssystem) der Chemischen Industrie ein bundesweites System,
welches im Notfall Telefonauskünfte gibt, Spezialisten entsendet oder
sogar ganze Werkfeuerwehren von nahegelegenen Betrieben der chemischen
Industrie zur Unterstützung an die Einsatzstellen schickt.
Mittlerweile wurden all diese Einheiten mit dem Zugunglück von Bad
Münder auf eine weitere harte Probe auf noch höherem Niveau
gestellt. Auch hieraus wurden Lehren gezogen und Maßnahmen ergriffen,
die vielleicht in der Zukunft einmal überlebenswichtig sein werden.
Wenn auch solche Einsätze nur sehr selten sind und Einsatzkräfte
heute gut auf solche Gefahren sensibilisiert sind, ist man ständig
bestrebt, das System noch weiter zu verbessern, denn der nächste
Gefahrgut-Einsatz kommt bestimmt - und wer weiß womit dieser uns
überrascht...
Michael Niehus
stellv. Ortsbrandmeister
im April 2005
|