Alarmübung: schwerer Busunfall in Kirchohsen!
Bus prallt gegen PKW und kippt um - Massenanfall von Verletzten - Großübung der besonderen Art!

Wer am Freitag, den 25. Juni abends die ehemalige B83 zwischen Kirchohsen und dem KKW Grohnde befuhr, dem stockte vermutlich zeitweise der Atem: Ein Linienbus liegt auf der Seite, ein völlig zerstörter Kleinwagen steht davor, Menschen schreien um Hilfe, auf der Straße liegen blutende Verletzte und etwa 50 Einsatzkräfte arbeiten Hand in Hand an der Rettung...

Was sich liest wie ein Horrorszenario, war zum Glück nur eine außergewöhnliche, im Landkreis bisher einzigartige Übung. Gruppenführer Matthias Hüsing hatte es geschafft, einen Bus zu organisieren, der von der Feuerwehr auch zerlegt werden durfte. Dieser wurde uns von der Firma Kirsch GmbH Reisedienst aus Steinheim zur Verfügung gestellt. Nun galt es jedoch noch, den nicht mehr fahrbereiten Bus irgendwie nach Kirchohsen zu bekommen. Hier sprang die Firma Fahrzeugbau Schierling GmbH ein, die den Transport spendete, welcher dann von einem Spezialfahrzeug des Niedersächsischen Nutzfahrzeughandels durchgeführt wurde.


Die Rettungsmaßnahmen beginnen: Die Einsatzkräfte arbeiten an mehreren Stellen gleichzeitig, um die Verletzten zu befreien!


Lageerkundung im Bus: überall liegen verletzte Personen!

Zusammen mit Thomas Klemme arbeitete Hüsing ein angemessenes Übungsszenario aus: Hierzu wurde der alte Bus im Straßengraben positioniert und kurzerhand mit einem Frontlader der Emmerthaler Biogasanlage umgekippt. Der ebenfalls bereitgestellte PKW wurde mit der Schaufel plattgedrückt. Nun konnten die Verletzten, die von der Gruppe der realistischen Unfalldarstellung des DRK Einsatzzuges Marienau gestellt und täuschend echt geschminkt worden waren, durch eine Motorwartungsklappe in den Bus klettern und sich dort positionieren.

Nun konnte es endlich losgehen: An der Feuerwehrtechnischen Zentrale waren die Feuerwehren Kirchohsen und Börry, sowie drei Fahrzeuge der Schnelleinsatzgruppe des DRK Marienau in Stellung gegangen und warteten auf ihren Einsatzbefehl. Sie wußten nur, dass es sich um einen Busunfall handelte.

Der zuerst am Einsatzort eingetroffene Fahrzeugfürer des Rüstwagens Michael Niehus erkundete die Lage: Im PKW waren drei Personen eingeklemmt. Durch die Windschutzscheibe des Busses waren zehn Personen zu erkennen die kreuz und quer im Bus verteilt waren.

Nach einer Lagemeldung und der Nachforderung weiterer Kräfte, sägte er die Windschutzscheibe des Busses mit einer Glassäge auf und nahm eine erste Sichtung der Patienten vor. Insgesamt elf Verletzte liegen zwischen den Sitzen und auf den Seitenwänden. Manche schreien um Hilfe, Einige sind bewusstlos, drei von ihnen haben keine Lebenszeichen mehr!
Nach einer kurzen Einweisung der nachrückenden Einsatzkräfte, gehen diese unmittelbar zur Menschenrettung über. Die Heckscheibe wurde ebenfalls durch die Feuerwehr geöffnet, so dass auch von der anderen Seite Rettungskräfte in den Bus eindringen konnten. Hierzu musste ein dahinter liegender Graben erst mit Bohlen abgedeckt werden, um den Höhenunterschied ausgleichen zu können. Andere Einsatzkräfte stützen den Bus mit Baustützen ab, um sicherzustellen, dass er nicht wieder zurückkippt.

Währenddessen ist bereits auch die Rettung der PKW-Insassen angelaufen. Zwei von ihnen haben keine Lebenszeichen mehr. Lediglich eine junge Frau auf der Rückbank lebt noch und ist bei Bewusstsein. Um an sie heran zu kommen, wird mit einer hydraulischen Rettungsschere das Dach abgetrennt und eine Tür entfernt.


Der erste Verletzte wurde aus dem Bus gerettet: Der Fleck in der Hose ist kein Malheur des Darstellers, sondern ein häufig vorkommendes Symptom bei einer Wirbelsäulenverletzung, wenn der Patient den Urin nicht mehr halten kann!


Mit der Rettungsschere wird nach und nach alles entfernt, was im Weg ist. Ein Patient liegt bereit zum Abtransport in einer Schleifkorbtrage. Ein Feuerwehrmann steht in dem Rahmen einer durchgebrochenen Seitenscheibe!

Der ursprüngliche Plan, die Verletzten in dem Bus nach Behandlungspriorität zu retten, musste wieder verworfen werden, da es kaum möglich war, sicher an einem Verletzten vorbei zu klettern. Da es in dem Bus keine waagerechte Fläche mehr gab, musste man sich konsequent irgendwo festhalten. Zwei Seitenscheiben waren bereits unter dem Gewicht der Einsatzkräfte aus dem Rahmen herausgebrochen. Da fast der ganze begehbare Bereich aus Scheiben bestand, war es kaum möglich, nicht auf Glas zu treten.
Aus diesem Grund wurden die Verletzten der Reihe nach mit Tragen aus dem Bus gerettet. Mit einer Rettungsschere wurden dabei Stück für Stück Sitze und Haltestangen abgetrennt. An den Zugangsöffnungen standen jede Menge Helfer bereit, die ständig neue Tragen hereinreichten, Verletzte entgegennahmen und die entfernten Teile weglegten.

Die Rettung der eingeklemmten PKW-Insassin war inzwischen ebenfalls fortgeschritten: Da die Fahrerseite an der Böschung lag, konnte von dieser nur bedingt angegriffen werden. Die junge Frau klagte über Schmerzen an der Wirbelsäule. Da ihr Zustand stabil war, riskierte man keine überhastete Rettung, sondern entschied sich dazu, zunächst die beiden Leichen aus dem Fahrzeug zu bergen ,um genug Platz zu haben für eine schonende Rettung.

Mit einem Rettungskorsett wurde die Wirbelsäule schließlich so stabilisiert, dass die Patientin so schonend wie möglich aus dem Wrack gehoben werden konnte.

Auch in dem Bus gab es Patienten, die ein Wirbelsäulentrauma erlitten hatten. Einer von ihnen hatte eine Querschnittslähmung. Da hier aber aufgrund der Patientenlage und der unzumutbaren Verzögerung für die anderen Patienten nicht mit dem Rettungskorsett gearbeitet werden konnte, kamen hier Spineboards zum Einsatz. Doch obwohl unter den Einsatzkräften im Bus zwei hauptberufliche Rettungsassistenten am Werk waren, gerieten die Helfer bei dieser Maßnahme an ihre Grenzen. Im Gegensatz zur Schleifkorbtrage muß das Spineboard immer waagerecht gehalten werden, bis der Patient komplett fixiert ist, da es keine Seitenreling besitzt. Da dies mit einem abgelegten Spineboard in dem Bus nicht zu schaffen war, musste es die ganzen Zeit in Waage gehalten werden. Da jeder Helfer schon reichlich Patienten bewegt hatte und in dem Bus mittlerweile eine unmenschliche Hitze herrschte, verließen die Helfer nach und nach die Kräfte. Daher wurde nach Abschluß der Menschenrettung eine Pause eingelegt, in der sich die Einsatzkräfte regenerieren und etwas Flüssigkeit zu sich nehmen konnten. Jeder, der in dem Bus gearbeitet hatte, war patschnass vor Schweiß bei Außentemperaturen von ca. 30°C.


Der querschnittsgelämte Patient wird aus dem Bus gereicht. In den Händen der Feuerwehrmänner erkennt man das Spineboard (orange). Darüber ist die Kopffixierung (blau) zu sehen.


Vorn rechts steht der RW2, welcher den Bus mit der Seilwinde wieder auf die Räder ziehen soll. In der Mitte steht der MZW-SK, welcher mit seiner Seilwinde den Bus über eine Umlenkrolle sichert.

Nach der Erholungspause wartete die letzte Aufgabe auf die Einsatzkräfte: Der Bus musste wieder auf die Räder gestellt werden!

Hierzu wurden zwei Seilwinden eingesetzt. Mit der einen wurde über zwei Anschlagpunkte an den Achsen an der oben liegenden Seite gezogen. Mit der zweiten Winde wurde über eine Umlenkrolle, die an einem Erdanker befestigt war, der Bus gegen Überschlag gesichert. Diese Maßnahme gelang problemlos, so dass die Übung hiernach erfolgreich beendet werden konnte.

Alle Beteiligten waren von der Übungsausarbeitung begeistert und jeder hat auf seine Art einiges Wissenswerte dazugelernt und viele Erfahrungen gesammelt. Daher möchten wir uns an dieser Stelle noch einmal bei allen Beteiligten recht herzlich bedanken, die uns diese Übung durch ihre Unterstützung ermöglicht haben!

Text: Michael Niehus
Fotos: Mathhias Hüsing, Thomas Klemme